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GRÜNE Unternehmer*innen und Corona

9. März 2021

Aus dem Rundbrief 2021/01: Die Pandemie hinterlässt ihre Spuren: Verlust und Unsicherheit. Doch sowohl in der Gesellschaft als auch in der Wirtschaft betrifft Corona die Menschen ganz unterschiedlich. Einige Branchen leiden unübersehbar, andere gehen als Gewinner aus der Krise hervor. Drei grüne Unternehmer*innen aus Luzern erzählen, wie sie das vergangene Jahr erlebten, und wie es aktuell bei ihnen aussieht.

Jo Bucher eilt ans Telefon, sie kommt gerade von draussen, vom Schneiden der Äpfel- und Kriesibäume. Denn auf dem Biohof Tempikon, den Bucher seit 2013 führt, geht die Arbeit weiter wie in den Jahren zuvor.

Das liegt daran, dass auf dem Hof Tempikon Unterschiedliches angebaut wird - ein Vorteil in dieser Krise. Nicht auf Massen, sondern auf Vielseitigkeit setzt der Biohof. Beliefert werden kleine Geschäfte, Foodcoops oder auch das Neubad mit frischem Most - nicht die Grossanbieter. «Das ist zwar grundsätzlich aufwendiger, erweist sich aber als sicherer, wenn der Absatz bei einem Händler oder einem Produkt plötzlich einbricht», erklärt Bucher.

Da der Biohof in Baldegg keinen eigenen Hofladen betreibt, wurde Bucher nicht überrannt wie andere Betriebe im letzten Frühling und Sommer. Trotzdem sei sie gut ausgelastet, es war wirtschaftlich kein schlechtes Jahr. «Wir hatten in Zeiten der Coronakrise, auch im Lockdown, einerseits das Gefühl, sehr privilegiert zu sein. Wir durften, mussten natürlich auch, immer arbeiten. Es fühlte sich an wie auf einer Insel. Ein positives Gefühl auf der einen Seite, auf der anderen Seite sind wir auch abgeschottet», sagt Bucher. Eine Ambivalenz, die sie auch gegenüber dem Optimismus in der Landwirtschaft spürt. Ein Optimismus, der davon ausgeht, dass Menschen Lokales und den Wert von Nahrungsmittel wird wieder mehr schätzen lernen. «Ich bin gespannt ob sich dieser Trend auf lange Frist hält», so Bucher. Sie selbst bewege sich sowieso in einem Umfeld, das diese Haltung teile.

Schwierig war für Bucher in den letzten Monaten vor allem der organisatorische Mehraufwand. Da der Biohof kein klassischer Familienbetrieb ist, sondern mit vielen Teilzeitmitarbeiterinnen auskommt, waren ständiges Neuorganisieren und Umdisponieren, ständiges Absprechen und neu Aushandeln die Folge. Dazu kommt die Arbeit, die für Bucher zusätzlich anfiel, wenn ihre Mitarbeiter*innen wegen Quarantäne ausfielen.

Es habe sich leider gezeigt, dass Kontinuität im Moment für sie das Beste sei, so Bucher. So ist sie froh um die Lernende im Vollzeit-Pensum und darum, mit weniger Leuten mehr Arbeit abdecken zu können. Dementsprechend fallen für Bucher jedoch auch ein grosser Teil ihrer Kontakt nach aussen flach, sagt sie: «Das ist in der Landwirtschaft - Beruf und Privates sind nicht wirklich voneinander zu trennen.»

Online-Meetings als Chance für die Randregionen
«Meist virtuell aber sonst normal», beschreibt Urs Steiger seine Situation erstmal, auch wenn für ihn klar ist, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen des vergangenen Jahres auch ihn mittelfristig einholen werden. Seit 35 Jahren selbständig, 22 Jahre davon mit seiner Kommunikation-Agentur, lief sein letztes Jahr nicht schlecht. Viele Aufträge gingen weiter wie bisher - oder beinahe wie bisher. Er ist jedoch überzeugt, dass die Folgen von Budgetkürzungen in den kommenden Jahren bisher verschonte Branchen erreichen werden. So auch ihn, die Illustratorinnen, Grafiker, Webdesignerinnen oder Übersetzer, mit denen er zusammenarbeitet.

Für ihn habe in den vergangenen Monaten vor allem der Austausch gefehlt. «Nach einer Sitzung, einem Treffen, macht man den Kasten aus und gut ist.» Besonders als Unternehmer sei das Netzwerken an Anlässen aber äusserst wichtig - beim Apero, vorher und nachher bei Gesprächen über Projekte und Ideen. Auch hier werden die Folgen mittelfristig spürbar werden, «denn die Firmen anzurufen und damit zu zeigen, dass man noch existiert, hat niemals die gleiche Wirkung», so Steiger.

Trotzdem sieht er auch Vorteile in den virtuellen Treffen. «Der Röstigraben
beispielsweise existiert bei Vielen als eine Art mentale Barriere»
, sagt Steiger und er meint damit, dass sich viele Deutschschweizer davor sträuben, für ein Treffen ins Tessin, in ein Bündner Südtal oder in die Romandie zu fahren. Gerade deswegen seien Online-Meetings eine Erleichterung für die Randregionen, die französische und italienische Schweiz. Für ihn hingegen sei es ein Verlust.

Der ehemalige Wissenschaftsjournalist, der sonst zwei bis drei Tage die Woche in Bern, Zürich oder Lausanne tagte, arbeitet aktuell beinahe nur vom Büro aus. So auch für die Leitung eines Workshops mit 80 Professoren der ETH Lausanne oder die Moderation des zweitägigen Schweizer Landschaftskongresses, mit 370 Teilnehmenden in 15 digitalen Räumen. Um all diese Bürozeit auszugleichen, sei er weit häufiger auf seinem Rennvelo unterwegs und deshalb fitter als kaum je zuvor.

Systemrelevanz der Werkstatt stärkt die eigene Wahrnehmung
Die Velobranche gehört zu den wirtschaftlichen Gewinnerinnen der Corona-Krise. Bis zu 20 Prozent mehr Arbeit fiel in den Geschäften an. «Während der ganzen Saison waren alle komplett ausgelastet. Niemand hatte Zeit, alle waren im Seich, Lieferketten sind eingebrochen», sagt Cyrill Wiget .

Der ehemalige Krienser Gemeindepräsident ist gerade dabei, Putzsachen vorzubereiten - Teil der Planung und Vorbereitung des neuen Service-Zenters von Velociped. Dies entsteht neu in der Halle der alten Bell-Maschinenfabrik in Kriens. Diese Vergrösserung war schon länger ein Wunsch, doch das letzte Jahr habe das Team in diesem Bestreben bestärkt, dem Service und der Reparatur die gleiche Relevanz einzuräumen, wie dem Verkauf. Wiget, Inhaber und Co-Geschäftsleiter des Unternehmens erklärt: «Wir mussten wegen Corona den Laden schliessen, die Werkstatt jedoch blieb offen, da systemrelevant. Das macht schon etwas mit der Selbstwahrnehmung.»

Während die Werkstatt boomte und auch der Verkauf über alternative Kanäle, musste das Café von Velociped schliessen. Er kenne viele Krienser Wirte oder Leute aus der Eventbranche, die wegen der Krise entlassen mussten, ohne Aussicht auf baldige Besserung. Natürlich könne man ein «to go»-Schild an die Türe hängen, doch das alleine reiche nicht. «Wenn man nicht bereits eine Infrastruktur besitzt, Transportmittel und einen gut besuchten und gepflegten Online-Auftritt hat, ist es fast unmöglich, spontan einen Lieferdienst oder Takeaway aus dem Boden zu stampfen.» Es bestehe eine grosse Schere bezüglich der Improvisations-Möglichkeiten. Und bei vielen komme noch der Schock dazu, den man erst überwinden muss, um wieder Energie zu haben für Neues.

Er hoffe auf eine Veränderung im Bewusstsein unserer Gesellschaft, die sonst stets alles im Überfluss in den Läden stehen hat. «2019 wurden lange Diskussionen über die Farbe des Rahmens geführt, 2020 dann darüber, wann oder ob überhaupt etwas lieferbar ist», so Wiget. Die Krise habe für ihn gezeigt, wie sehr das lokal ausgerichtete, flexible und vielseitige Betriebsmodell ein Glücksfall in Krisen darstelle - auch für die rund 30 Angestellten.

- Text von Jana Avanzini, freie Journalistin und Texterin