Grüne Vorstösse im Stadtparlament Luzern - Aktuell

Motion: Mit Solarstrom endlich durchstarten

Archiv: 6. Februar 2019

Cyrill Studer Korevaar namens der SP/JUSO-Fraktion sowie Marco Müller und Irina Studhalter namens der G/JG-Fraktion bitten den Stadtrat mit einer Motion, eine ambitiöse Photovoltaik-Strategie zu entwickeln, welche das Potential auf Dächern und Fassaden im städtischen Perimeter maximal ausnutzt.

Vor drei Jahren einigten sich 193 Regierungen in Paris darauf, die globale Erwärmung gegenüber der vorindustriellen Zeit auf deutlich unter 2°C, wenn möglich auf 1.5°C zu begrenzen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss bis in 31 Jahren mit dem Verbrennen fossiler Energieträger weltweit Schluss sein, wie ein Bericht des Weltklimarates IPCC im Herbst 2018 aufzeigte.1

Aktuell beträgt die globale Temperaturerhöhung gegenüber der vorindustriellen Zeit 1°C. Wenn man sich die bereits heute existierenden weltweiten Wetterexzesse vor Augen führt, wird schnell klar, dass Erfolg oder Misserfolg über das Fortbestehen der uns bekannten Zivilisation entscheiden kann.

Die klimaerwärmende Wirkung verbrannter fossiler Brennstoffe ist den politischen Akteuren spätestens seit 1990 mit dem 1. IPCC-Bericht bekannt. Neu ist bloss die Evidenzverstärkung und die zusätzliche Dringlichkeit aufgrund der bisher ungenügenden Massnahmen. Der uns bevorstehende rasche und tiefgreifende technische und gesellschaftliche Umbau ist enorm. Dieser kann bloss im nationalen und internationalen Verbund gelingen. Die Technologien hierfür sind vorhanden, entscheidend ist eine weitere Elektrifizierung von Anwendungen, welche heute fossil betrieben werden dies gilt insbesondere in der Mobilität und der Bereitstellung von Wärme und Kälte (Wärmepumpen). Die benötigte Energiemenge muss dank weitgehenden Effizienzmassnahmen gesenkt und anschliessend dank einem massiven Ausbau erneuerbarer Energien und Stromspeichern verfügbar gemacht werden.2 Eine Schlüssel- und Vorbildrolle kommt dabei den Städten zu: Die kompakte Lebensraumgestaltung prädestiniert eine effizientere Lebensweise, ihre Bewohnerinnen und Bewohner sind offener für klimapolitische Massnahmen, entsprechende Erfolge sollen als Vorbild für andere Regionen wirken.3 Die Stadt Luzern hat mit 1 Tonne CO2-Ausstoss pro Jahr und Bewohnenden im Jahre 2050 bereits heute das ehrgeizigste Schweizer Klimaziel. Bei der nächsten Überarbeitung soll die städtische Klima- und Energiepolitik zugunsten der 1.5°C-Anforderungen4 nachgeführt werden. Zunächst sollen aber die bestehenden Bemühungen verstärkt werden (Solarstrom) und bisher vernachlässigte Themenfelder erschlossen werden (Erdgas, E-Mobilität, Logistik). Die daraus gewonnenen Erkenntnisse sollen im Städteverband eingebracht werden (Erfahrungs- und Fachgruppen).

Bei der Entwicklung und der langfristigen Umsetzung der anstehenden Massnahmen soll zunächst die ewl ins Auge gefasst werden, etwa mit Zielvereinbarungen, Leistungsaufträgen und entsprechenden Controllingauflagen. Die Finanzierung kann vorerst durch eine entsprechende Reduktion der Gewinnablieferung an die Stadt sichergestellt werden. Alternativ können auch wettbewerbliche Ausschreibungen ins Auge gefasst werden, bei denen Projekte mit den grössten CO2-Reduktionen pro eingesetzten Franken zum Zuge kommen (respektive maximaler Photovoltaik- und Stromspeicher-Zubau).5

Der Energie-Umbau ist nicht kostenlos und muss frühzeitig und langfristig geplant und budgetiert werden, Zuwarten dürfte aber um ein Vielfaches teurer werden.6 Ausserdem befreien sich Pioniergebiete zu einem frühen Zeitpunkt aus der Abhängigkeit fossiler Energieträger, welche tendenziell immer knapper und damit teurer werden.

Vor diesem Hintergrund bitten die Unterzeichneten den Stadtrat, eine ambitiöse Photovoltaik-Strategie zu entwickeln, welche das Potential auf Dächern und Fassaden7 im städtischen Perimeter maximal ausnutzt. Die zeitlich anfallenden Überschüsse sollen in Verbindung mit einer weitgehenden E-Mobilitätstrategie (siehe Motion E-Mobilität) sowie weiteren lokalen Speichermöglichkeiten optimal genutzt werden.

Der Stadtrat legt dem Stadtparlament die Photovoltaik-Strategie in Form eines Planungsberichts vor. Dabei sollen mit den Hauptakteuren8 auch neue Wege eruiert werden, in dem sich die ewl oder weitere Anbieter (Modell wettbewerbliche Ausschreibung) als Investoren für die grossflächige Umsetzung auf dem Stadtluzerner Gebiet verantwortlich zeichnen. Als Grundlage kann die seit dem 1.1.2018 bestehende Möglichkeit des Zusammenschlusses für den Eigenverbrauch (ZEV)9 in eine gesamtstädtische Dimension weiterentwickelt werden. Die damit gewonnene Wertschöpfung in Form von erneuerbarem Strom könnte unter Einbezug von Zwischenspeichern grösstmöglichst auf dem Stadtgebiet verbraucht werden, pro Kopf10 angerechnet und der tatsächlichen Stromrechnung abgezogen werden. Dadurch liesse sich auch ein flächendeckender Aufbau und Betrieb mit indirekt öffentlichen Geldern rechtfertigen, was vermutlich am effizientesten wäre.

1 https://naturwissenschaften.ch/organisations/proclim/106109-1-5-grad-klimaziel-erfordert-rasches-rigoroses-handeln-und-netto-null-co2-emissionen
2 Vielversprechende Ansätze fürs Funktionieren liefert beispielsweise das Simulationsmodell www.kraftwerkschweiz.ch des ETH-Professors und Unternehmers Anton Gunzinger.
3 Dies gilt im Besonderen angesichts der aktuellen Rückschläge auf nationaler und internationaler Ebene (Nationalrat, welcher unbegrenzt ausländische «Klimazertifikate» auf Kosten nationaler Massnahmen zulassen will. Oder das Ausscheren der USA beim Pariser-Klimaabkommen).
4 Die IPCC spricht von einem Netto-CO2-Ausstoss: im Prinzip könnten weiterhin fossile Energieträger verbrannt werden, sofern die entsprechende Menge CO2 dauerhaft der Atmosphäre entzogen wird. Ein solches Verfahren ist aus physikalischen Gründen jedoch mit einem höheren Energieaufwand verbunden, als bei der Verbrennung fossiler Energieträger genutzt werden kann. Ausserdem ist das langfristige CO2-Abscheiden alles andere als erprobt und erinnert an Verzögerungstaktiken und Scheinmanöver. Die Stadt Luzern soll von Beginn weg auf das Original, auf einen Null-CO2-Ausstoss setzen, allenfalls mit Ausnahme von KVA-Fernwärme und Erdgas für Notüberbrückungen und Spitzenabdeckungen.
5 Allenfalls auch beim Erdgas-Ausstieg, da die ewl derzeit mit dem Verkauf von Erdgas am meisten Umsatz generiert und deswegen ein möglicher Interessenskonflikt besteht.
6 https://www.srf.ch/news/wirtschaft/die-kosten-des-klimawandels-steigende-temperaturen-koennten-die-schweiz-10-milliarden-kosten; https://infoscience.epfl.ch/record/252804
7 Die Fassadenmöglichkeiten werden gestalterisch immer vielfältiger. Zwar resultiert ein tieferer Gesamtjahresertrag, dieser verteilt sich aber regelmässiger über das Gesamtjahr, was für das Lastmanagement vorteilhaft ist.
8 Swissgrid, Bundesamt für Energie, Swissolar und weitere.
9 https://www.energieschweiz.ch/page/de-ch/eigenverbrauch; https://www.swissolar.ch/fileadmin/user_upload/Swissolar/Top_Themen/2018.10.26_Leitfaden-Eigenverbrauch_1.3.pdf
10 Ein ähnlicher Mechanismus für Betriebe/Arbeitsplätze soll geprüft werden. Ein gerechter Aufteilungsschlüssel müsste noch entwickelt werden.