Artikel und Pressemitteilungen - Archiv 2008

Dem "Nährboden des kulturellen Lebens" Platz geben

Archiv: 28. April 2008

Medienmitteilung der Grünen Stadt Luzern zur "Aktion Freiraum"

Freiraum impliziert den Begriff Selbstbestimmung. Diese Selbstbestimmung wird aber gerade in letzter Zeit von verschiedenen Seiten in Abrede gestellt.

Im Kulturraumkonzept der Stadt-Verwaltung Luzern steht: «Eine Kulturstadt braucht breite und lebendige Kulturszenen, die widerspenstig, unreglementiert, kritisch, aufmüpfig und anarchisch sind. Diese Szenen machen den Nährboden des kulturellen Lebens aus. Für diese kulturelle Grundversorgung hat Luzern eine Verantwortung» (Quelle: Kultur-Standort Luzern, Stadt Luzern 2001). Diese mutigen Worte scheinen aber in Vergessenheit geraten zu sein. Die "aufmüpfige" Kulturszene soll in die Schranken gewiesen werden.

Die alternative Kultur soll nicht nur mit anderem Inhalt auftrumpfen, sondern auch mit anderen Formen und sich dadurch vom Mainstream unterscheiden. Damit die alternative Kultur nicht zu einer verwalteten Kultur wird, darf sich die alternative Kultur nicht ausschliesslich dem betriebswirtschaftlichen Diktat unterwerfen lassen, in welchem nur die Kostenfrage präzis analysiert wird. Wenn in erster Linie die Verwaltung nur noch die Kosten und nicht mehr den Nutzen einer Sache betrachtet, so liegt die Kultur auf dem Sterbebett. Jede Bewegung, jedes Weiterkommen und jede Innovation sind aber eine Investition in die Zukunft.

Die kulturelle Avantgarde muss die Formen der Ausübung "ihrer" Kultur selber bestimmen können. Der Staat soll nicht einfach nur zum Hüter der tradierten Kunst werden, was über kurz oder lang den Stillstand einer Kultur zur Folge hat. Die Avantgarde muss gegen etablierte Formen aufstehen; dieser Vorgang lässt sich dabei nicht einfach verwalten und eine gewisse Reibung mit alteingesessen Formen ist unvermeidbar. Eine lebendige, progressive, junge und kreative Kultur stösst auch mal an.

Die jungen Erwachsenen finden in der Stadt Luzern kaum mehr Möglichkeiten, sich in einer nicht-kommerziellen Umgebung zu amüsieren, geschweige denn sich auszutoben. Überall, wo man hingeht, steht der Konsum im Vordergrund. Es ist unwichtig, ob sich die Jugendlichen kreativ mit einer Sache auseinander setzen und sich mit dem Geschaffenen identifizieren können, der Konsum überwiegt. Gerade die "Aktion Freiraum" setzt in dieser Sache einen Kontrapunkt.

Viele - nicht nur bürgerliche - Politikerinnen und Politiker fordern Repressionen, Videoüberwachung und Wegweisung als Instrumente, um unter anderem auf die herauf stilisierte Gewalt in der Stadt reagieren zu können. An der Veranstaltung in der alten Unions-Druckerei nahmen gegen 800 Leute teil. Es kam zu keinen Gewaltausschreitungen, obwohl dies in verschiedenster Art und Weise so kommuniziert worden ist. Auch an den vorgängigen Veranstaltung der Aktion Freiraum kam es zu keinerlei gewalttätigen Auseinandersetzungen. Zudem konnten praktisch keine Sachbeschädigungen festgestellt werden.

800 Menschen kann und darf man nicht mehr ignorieren. Das Bedürfnis nach eigenen Räumen ist völlig legitimiert. Eigene Räume heisst eigene Verantwortung übernehmen und selber Regeln bestimmen. Dass diese jungen Menschen diese Aufgabe übernehmen können, haben sie mehrmals eindrücklich bewiesen. Es ist festzuhalten, dass die Aktion Freiraum keine Bewilligung hatte, in der alten Unionsdruckerei eine Veranstaltung durchzuführen. Doch sie machten mit dieser aussergewöhnlichen Aktion auf sich und ihre Anliegen aufmerksam; friedlich und kreativ.

Es ist knapp ein halbes Jahr her, als die Boa ihre Tore schliessen und einem Postverteilungs-Zentrum weichen musste. Diese Schliessung riss ein gewaltiges Loch in die Luzerner Kulturszene. Doch es durfte nicht laut getrauert werden, denn stets kam dann: "Ihr habt ja jetzt den Südpol!". Am Südpol gibt es nichts auszusetzen. Aber der Südpol befriedigt nicht den Wunsch nach einem selbst bestimmten Freiraum, in welchem Jugendliche und junge Erwachsene ihre Kreativität unprofessionell und niederschwellig ausleben dürfen,

In der Zukunft wird es für die alternative Kultur in der Stadt Luzern nicht einfacher werden. Das Treibhaus und der Neubau der Spielleute sind bedroht von einem Wohnungs-Projekt. Falls die Wohnungen wirklich gebaut werden, würde mit grösster Wahrscheinlichkeit das gleiche Problem wie bei der Boa auftauchen. Die neuen Anwohner werden sich gestört fühlen von der lauten Musik, von den Jugendlichen, von ihrem Lärm und von ihrem Dasein.

Es ist viel sinnvoller, jetzt zu intervenieren, um zu zeigen, dass man etwas aus der Boa-Angelegenheit gelernt hat. Kultur- und Wohnraum vertragen sich offenbar nicht gut, hingegen Kultur und Kultur schon. Also warum nicht beispielsweise die Butterzentrale für kulturelle Veranstaltungen nutzen, damit das Treibhaus und die Spielleute nicht ihre Existenz verlieren?

Die CVP fragt den Stadtrat in ihrer Interpellation zur Aktion Freiraum und zum Treibhaus, ob sich dieser bewusst sei, dass eine Institution wie das Treibhaus mit einer derartigen Lärmemission in der Stadt und sogar in der Agglomeration nicht mehr tragbar sein wird. Soll die alternative Kultur wirklich der stillen, tradierten und konsumorientierten Kultur für mittelalterliche Personen weichen? Dies würde bei verschiedensten Personen grossen Unmut auslösen und das "Gewaltproblem" wäre dann bestimmt noch viel schwieriger zu lösen.

Die Grünen der Stadt Luzern fordern die Stadtbehörden auf, alle Möglichkeiten zu prüfen, um den jugendlichen und kreativen Kulturschaffenden der Aktion Freiraum geeignete Räume zur Verfügung zu stellen. Das ausnahmslos positive Auftreten der Bewegung, die grosse Resonanz ihrer Veranstaltungen und der kreative Umgang mit Provokationen von verschiedenen Seiten zeigt, dass die Aktion Freiraum berechtigte Forderungen stellt. Die Aktion Freiraum bereichert das kulturelle Leben in der Stadt Luzern erheblich.

» Kommentieren Sie diesen Artikel im Blog