Artikel und Pressemitteilungen - Archiv 2005

Stipendieninitiative ‐ Bildung für alle

Archiv: 7. März 2005

Die Entwicklung unseres Landes und unseres Kantons hängt stark davon ab, wie gut es uns gelingt, die Herusforderungen der Zukunft zu erkennen und zu bestehen. Dem Befund folgend, dass Bildung unser wichtigster «Rohstoff» ist, kommt deshalb der Bildungspolitik herovrragende Bedeutung zu. Ihr Ziel muss es sein, aus kulturellen, demokratischen und wirtschaftlichen Gründen das vorhandene Bildungspotential nach Möglichkeit auszuschöpfen.

von Louis Schelbert, GB-Grossrat Luzern

Wie weit dies gelingt, hängt in hohem Masse ab von der Bildungshaltung im Kanton und von jener des Kantons. Mit der Errichtung der Universität, der Fachhochschule, den Veränderungen in der Berufs- und Volsksschulbildung haben wir uns und hat er sich auf den Weg gemacht. Das ist angesichts der Anforderungen der wachsenden Dienstleistungsgesellschaft und des lebenslangen Lernens auch dringend notwendig.

Warum Stipendien?
Die Volksinitiative «Bildung für alle» gibt uns Gelegenheit, uns erneut vertiefter mit diesen Fragen zu befassen. Sie verlangt einen Ausbau des Stipendienwesens in unserem Kanton. Stipendien verfolgen verschiedene Ziele. Ein demokratisches, um allen den Zugang zu höherer Bildung zu ermöglichen; ein bildungspolitisches, um die Entwicklung der Kenntnisse und Fähigkeiten aller zu optimieren; ein ethisches, um die Chancengerechtigkeit zu fördern; ein sozialpolitisches, um einen sozialen Ausgleich zu schaffen; ein wirtschaftliches, um das vorhandene Bildungskapital besser zu nutzen. Stipendien sind also eine gute und nützliche Sache.

Warum Stipendien ausbauen?
Ist es vermessen, einen Ausbau des Stipendienwesens zu verlangen? Die GB-Fraktion denkt: nein. Wir sagen dies zum einen gestützt auf die Aussage der Interkantonalen Stipendienkonferenz (IKSK): «In der Schweiz werden im internationalen Vergleich relativ wenig Mittel für das Stipendienwesen aufgewendet.» (IKSK 26.6.03) Zum andern gestützt auf einen Kantonsvergleich, demzufolge der Kanton Luzern in jüngster Zeit zwar etwas aufgeholt hat, aber immer noch klar den schweizerischen Durchschnitt nicht erreicht.

Im weiteren stellen wir fest, dass der Kanton Luzern sowohl bei den Mittelschulen wie auf der Tertiär-Stufe unterdurchschnittliche Abgängerraten aufweist. Es spricht viel dafür, dass das vorhandene Potential an bildungsfähigen jungen Menschen nicht genügend genutzt wird. Dabei hat Bildung ihren Wert, ist die Mehrkosten wert.

Vergleicht man die Ausgaben für Stipendien von 1994 mit jenen von 2004, zahlte der Kanton vor 10 Jahren gut 2 Mio. Franken mehr aus (14 Mio. zu 12 Mio. Fr.). Vergleicht man die Zahl der Bezügerinnen und Bezüger, sind es 2004 ein Viertel weniger als 1994 (damals über 2 400, nun 1 800). Zu berücksichtigen ist, dass im gleichen Zeitraum die Bevölkerung um fast 20 000 Personen gewachsen ist. Das heisst: Ein Ausbau des Stipendienwesens ist in unserem Kanton angezeigt.

Zu den Forderungen der Initiative
  1. Im ersten Punkt will die Initiative erreichen, dass die Ansätze für die anerkannten Lebenshaltungskosten gemäss SKOS-Richtlinien festgelegt werden. Die SKOS-Richtlinien sind ein anerkanntes Berechnungsmodell, das der Kanton Luzern in andern Bereichen auch anwendet. Uns erscheint die ablehnende Begründung in der Botschaft zum einen sehr formalistisch, zum andern bezweifeln wir die errechneten Kosten. Überhaupt ist die Argumentation vor allem von Abwehr geprägt. Warum eigentlich? Stipendien verfolgen unter anderem das Ziel eines sozialen Ausgleichs. Luzern liegt im Rückstand, ein Ausbau ist daher richtig.
  2. Im zweiten Punkt verlangt die Initiative, dass vom steuerbaren Einkommen der Eltern Fr. 45 000 nicht angerechnet werden. Auch zu diesem Punkt wird in der Botschaft rein finanzpolitisch und wiederum völlig ablehnend argumentiert. Es ist einzuräumen, dass die geforderte Grenze politisch fgestgesetzt ist. Doch das sind solche Festsetzungen fast immer. Für die GB-Fraktion ist dieser zweite Punkt einleuchtend. Er trägt der Tatsache Rechnung, dass wir bei uns nach wie vor einen hohen Grad an sogenannter Bildungsvererbung kennen. Drei Beispiele
    1. Von den 16 bis 19jährigen, die keine nachobligatorische Ausbildung absolvieren, sind fast 60 Prozent Kinder von Eltern, die ebenfalls keine nachobligatorische Ausbildung abgeschlossen haben. Dagegen dominieren bei den Mittelschülern die Kinder von Eltern, die über einen höheren Bildungsabschluss verfügen (Lamprecht/ Stamm, «Soziale Ungleichheit im Bildungswesen»,1996).
    2. Ein grosser Teil der bei uns arbeitenden Ausländer stammt aus sogenannt bildungsfernen Schichten. Wer nicht Deutsch als Muttersprache hat - das sind auf der Sekundarstufe I 16,9 Prozent - besucht nur zu 9,7 Prozent die Sekundarschule und zu bloss 4,4 Prozent das Untergymnasium (S. 22). («Bildung im Kanton Luzern» zeigt (Ausgabe vom November 2002).
    3. Noch zwei andere Zahlen: Nur eine von 100 Töchtern von Ungelernten hat Chancen auf eine universitäre Bildung, hingegen bekommt diese Chance jeder zweite Sohn eines akademisch gebildeten Vaters (siehe «Positionspapier 4» des SGB-Kongresses 2002 «Bildung für alle»). Fazit: Trotz des Ausbaus des Bildungssystems konnte relativ gesehen keine Erhöhung der Bildungschancen für Kinder aus unteren sozialen Lagen festgestellt werden. Das zu verändern, ist auch Aufgabe der Stipendienpolitik, die Initiative öffnet einen Weg dazu.
  3. Das dritte Anliegen der Initiative stellt die Frage:Stipendien oder Darlehen. Die bereits zitierte IKSK sagt dazu: «Im scheizerischen Stipendiensystem stellt der Ersatz oder teilweise Ersatz von Stipendien durch Darlehen biildungs- und sozialpolitisch keine vernünftige und zielführende Lösung dar.» Zum gleichen Schluss kommen die EDK (Studie 1997), der Stipendienreport des Bundesamts für Bildung und Wissenschaft 1999 und die Studie Nordmann 2001. Wir anerkennen, dass der Kanton Luzern mit dem neuen Stipendiengesetz einen Schritt in die richtige Richtung gemacht hat und heute mehr auf Stipendien und etwas weniger auf Darlehen setzt. Die volle Stipendierung von Erstausbildungen ist nicht nur eine Forderung der Initianten, sondern auch der IKSK und der EDK. Auch sie betonen den administrativen Aufwand bei Darlehen. Und: «Darlehen laufen der interkantonalen Stipendienharmonisierung zuwider.» Wir stimmen deshalb auch diesem dritten Punkt zu.
Zusammengefasst: Die GB-Fraktion ist für die Initiative.

Link: www.bildungfueralle.ch (die Website des Initiativkomitees)