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Menschliche Embryonen als Rohstoff für die Forschung?

Archiv: 1. April 2002

Stammzellenforschung arbeitet mit menschlichen Embryonen. Sie weckt Träume nach einem Ersatzteillager von menschlichen Organen und stellt uns vor heikle ethische Fragen. Einmal mehr setzt die Forschung Tatsachen, denen die Politik mit der Gesetzgebung hinterher hinkt.

von Maya Graf, Nationalrätin, Grüne Basel-Landschaft

Embryonale Stammzellen werden aus etwa 6 Tage alten menschlichen Embryonen gewonnen, die durch dieses Verfahren zerstört werden. Stammzellen sind sogenannte "Alleskönner", sie sind so konzipiert, dass aus ihnen noch der ganze Mensch entstehen kann, also z.b. Organe, Haut, Nervenzellen. Darum sind sie für die Forschung auch hoch interessant. Und es regt die Wunschträume vom "Ersatzteillager" für uns Menschen an: so verspricht die forschende Medizin bereits heute Chancen auf Heilung oder Therapie bei Alzheimer oder Parkinson oder die Erzeugung von beliebigen menschlichen Organen zur Transplantation wie eine gesunde Leber oder ein neues Herz!

In der Schweiz verboten
In der Schweiz ist diese Forschung eigentlich bis heute verboten. Die Menschenwürde verbietet, dass Embryonen allein als Mittel zum Zweck der Forschung hergestellt werden dürfen. In der Bundesverfassung wurde daher der verbrauchenden Embryonenforschung ein Riegel geschoben: (Art. 119: ...es dürfen nur so viele menschliche Eizellen ausserhalb des Körpers der Frau zu Embryonen entwickelt werden, als ihr sofort eingepflanzt werden können.) Doch kaum war das Fortpflanzungsmedizingesetz, nach hartem Ringen im Parlament, seit dem 01. 01.2001 in Kraft, setzte sich der Schweizerische Nationalfonds (SNF) kaltschnäuzig und arrogant über die gültigen Gesetze hinweg: Er entschied im letzten September, staatliche Forschungsgelder für ein Projekt der UNI-Genf zu sprechen, das mit importierten Stammzellen-Linien forschen will. Und dies, obwohl die eidgenössische Ethikkommission im Humanbereich und das Departement des Innern eine vorläufige Ablehnung des Gesuches empfahlen!

Dieser Entscheid löste nicht nur bei uns Grünen Erstaunen und Bestürzung aus; die Debatte in der Schweiz um die ethischen und rechtlichen Bedenken zur Forschung an verbrauchender embryonaler Stammzellenforschung war lanciert. Die Grüne Bundeshausfraktion verlangte den Rücktritt der Präsidentin des SNF-Stifungsrates und gab eine dringliche Interpellation zum Thema ein. Sie fragte auch danach, wie viele überzählige Embryonen in der Schweiz nach In-Vitro-Fertilisation (IVF) überhaupt existieren, denn dort entsteht dieser begehrte Rohstoff. Bis heute kann uns niemand sagen, wie viele tiefgefrorene menschliche Embryonen in den Instituten oder Labors lagern, die nach Übergangsrecht bis ins Jahr 2004 vernichtet werden müssten.

Neues Gesetz in Pipeline
Doch vielleicht kommt es anders: denn gleich nach dem umstrittenen Nationalfondsentscheid kündigte Bundesrätin Dreifuss an, sie werde ein neues Gesetz im Eilzugstempo vorbereiten, das die überzähligen menschlichen Embryonen für die Forschung freigeben werde. Noch vor zwei Jahren hatte sich die gleiche SP-Bundesrätin gegen jede Embryonen-Forschung ausgesprochen! Bald wird nun die Vernehmlassungsvorlage auf dem Tisch liegen!

Die Gesetzgebenden sind nicht nur in der Schweiz, sondern weltweit unter Druck, die Gesetze der Forschung und Wissenschaft anzupassen. Es wird mit der weltweiten Konkurrenz, dem Forschungsstandort und dem Traum vom "leidfreien Leben" Angst und Hoffnung gleichzeitig geschürt. Dieser globale Wettlauf um neue medizinische Erkenntnisse, bei dem es in erster Linie auch um ökonomische Vorteile und Patente geht, stellt die Menschenwürde in gefährlicher Weise aufs Spiel .

Zeit für ethische Überlegungen
Mit der Geschwindigkeit stets neuer medizinischer Entdeckungen stellt uns die Wissenschaft ständig vor neue Fakten, bevor die Gesellschaft überhaupt Zeit findet, sich mit den ethischen Rahmenbedingungen auseinander zu setzen und klare Richtlinien zu bestimmen. Gerade mit der Forderung nach verbrauchender menschlicher Embryonenforschung zur Stammzellengewinnung wird an einem Tabu gerüttelt, das bis vor kurzem unumstösslich galt. Unweigerlich wird der nächste Schritt folgen, wenn wir es jetzt einfach zulassen. Beim nächsten Mal fällt vielleicht bereits das Klon-Tabu?

Darum lehnen wir Grüne die Forschung an embryonalen Stammzellen und auch deren Import in die Schweiz ab, solange nicht eine breite öffentliche Diskussion und Aufklärung über dieses ethisch und sozial sehr heikle Thema stattgefunden hat. Auf gar keinen Fall lassen wir uns von der Forschergilde das Tempo und den Gesetzestext diktieren. Und wie einer unserer Grünen Kollegen bei der gleichen Debatte im Deutschen Bundestag sagte: "Es gibt die Pflicht zu Zögern!"

Als zweites fordern wir, dass die Forschung mit adulten Stammzellen und mit Stammzellen im Nabelschnurblut gefördert werden. Dessen Potenzial ist noch kaum erforscht, verspricht aber viel und wäre ethisch unproblematisch.


Zwischen Himmel und Hölle steht das Politische, Roland Neyerlin, Philosoph, GB-Mitglied der Schulpflege Stadt Luzern zum Thema Stammzellenforschung