Abendländische Kultur und Zwangsheiraten
16. Februar 2012, von Michael TöngiCVP-Nationalrat Ruedi Lustenberger wird heute in Zeitungen zitiert: “Zwangsheiraten sind mit unserer abendländischen Kultur absolut unvereinbar.” Deshalb fordert er härtere Strafen,
Aber bitte sehr: Wer hat denn während Jahrhunderten hier Menschen zu Ehen verpflichtet, wenn nicht gerade diese abendländische Kultur? Unehelich Schwangere mussten heiraten, um nicht verstossen zu werden, anderen Heiratsunwilligen wurde mit der Enterbung gedroht, egal ob adelig oder in Bauernschichten. Und wehe, man hat den oder die Falsche mit nach Hause gebracht – viele ältere Menschen können heute noch davon erzählen. Ehen waren nicht möglich aus ökonomischen und politischen und natürlich auch religiösen Gründen. Und vielen war die Ehe schlicht verboten, da sie zu wenig verdienten. Solche Eheverbote fanden teilweise sogar Niederschlag in der Gesetzgebung. Erste Aufpasserin und Einmischerin war dabei stets die katholische Kirche. Von wegen abendländische Kultur der freien Partnerwahl.
Die freie Wahl des Lebenspartners, der Lebenspartnerin ist eine Errungenschaft der modernen Zeit, der Zivilgesellschaft. Dagegen haben sich ausgerechnet die Vorgängerformationen der CVP gewehrt. Schön, dass sie dies überwunden hat, aber vielleicht würde es ihr gut anstehen, jetzt nicht zu laut zu heulen.
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Am 21. Februar 2012 um 17:33 Uhr
Abendländische Kultur u. Zwangsheiraten.
Herr Töngi, schön dass Sie wissen wie es früher war, aber wir haben das Jahr 2012. Was soll das, sollen wir wegen gestern heute nichts dazu sagen. Immer dieses “ja wir waren früher nicht besser”.Wo bleibt denn ihre klare Meinung?
Am 22. Februar 2012 um 11:28 Uhr
Lieber Herr Lötscher,
gerne natürlich: Meine klare Meinung ist, dass es richtig ist, wenn die Gesellschaft rechtliche Schranken setzt und gewisses Verhalten unter Strafe stellt. Aber: Die ganze Diskussion um Strafverschärfungen ist ein hilfloser Versuch, ein Problem in den Griff zu bekommen. Seien es Scheinehen, Zwangsheiraten, Abfall auf der Strasse, Trinkgelage in der Öffentlichkeit, Gewaltspiele im Internet oder sonstwas: Wenn die Gesellschaft das Problem nicht in den Griff kommt, schreit sicher jemand nach höheren Strafen. Dabei ist vieles vom obgenannten schon längst strafrechtlich verfolgbar. Nur nützt das oft nichts oder zu wenig. Und statt sich zu überlegen, woran das liegt, ruft man dann einfach nach noch höheren Strafen. Widersinnig.
Das Beispiel der Zwangsehen zeigt das bitterbös auf: Wer zwangsverheiratet wird, zeigt nachher wahrscheinlich nicht seinen Ehepartner oder die Familie an. Sonst hätte sie oder er ja auch den Mut und das nötige Umfeld haben können, um dieser Ehe nicht zuzustimmen.
Ich glaube nicht, dass man mit hohen Strafen eine liberale Gesellschaft schützen kann. Wer den Knüppel schwingt, kann nicht gleichzeitig die Freiheit bewahren. Es bleibt nichts anderes, als den Weg der Integration, der Bildung zu gehen. Auch wenn so viele darüber die Nase rümpfen.