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Das Interview der Woche mit Rita Blättler

Archiv: 3. September 2003

10 NationalratskandidatInnen geben Auskunft - Lesen Sie jede Woche das Interview mit einer oder einem der 10 NationalratskandidatInnen des GB Luzern. Diese Woche: Rita Blättler.

Interview: Michael Töngi

Rita, du arbeitest seit zweieinhalb Jahren als Gleichstellungsbeauftragte beim Kanton Luzern. Die grossen Diskussionen zur Gleichstellung sind schon einige Zeit her, interessiert sich heute überhaupt noch jemand für das Thema?
Wirkliches Interesse kommt in der Regel durch Betroffenheit zu Stande. Es erstaunt darum nicht, dass v.a. bei der Frauengeneration über 35 das Interesse noch viel wacher ist als bei Männern oder bei jungen Menschen ganz allgemein. Diese Frauen haben die positiven Veränderungen der letzten 25 Jahre bewusst wahrgenommen und z. T. auch davon profitieren können. Wer nicht mitten im Erwerbsleben steht, nicht verheiratet ist, keine Kinder hat und politisch nicht überaus interessiert ist erlebt im Alltag tatsächlich kaum handfeste Diskriminierungen.

Aber weshalb wird über deine Arbeit in der Öffentlichkeit kaum mehr gesprochen?
Weil eben Chancenungleichheiten und Diskriminierungen heute viel subtiler sind. Heute geht es nicht mehr so sehr um Gesetze, es geht um die konkrete Umsetzung im Alltag. Da müsste man(n) Farbe bekennen... oder man hält die Sache einfach unter dem Deckel und spricht nicht darüber.

Wo zeigen sich denn diese subtilen Ungleichheiten?
Die traditionellen Rollenbilder der 50-er und 60-er Jahre sind in vielen - auch jungen Köpfen noch sehr präsent. Für immer mehr Frauen und Männer werden diese Rollenbilder zum Stolperstein für ihre Lebensgestaltung. Männer belastet es, wenn sie nur über ihren beruflichen Erfolg, über Kampffreudigkeit, über psychische und physische Härte definiert werden. Frauen möchten nicht nur Anerkennung in der (allfälligen Aufgabe als Mutter sondern zunehmend auch in Beruf und Politik finden. Sie akzeptieren es auch nicht, wenn sie auf fehlende oder vorhandene körperliche Reize reduziert werden.

Der Anteil der Frauen hat in der Politik in den letzten Jahren kaum noch zugenommen, Frauen steigen schneller wieder ausaus, selbst im GB gibts wieder mehr Parlamentarier als Parlamentarierinnen. Was läuft da falsch?
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Strukturen und die Spielregeln in der Politik von Männern gestaltet wurden und nur sehr zögerlich und langfristig zu verändern sind. Ich denke, unter diesen Spielregeln leiden wohl nicht nur die Frauen. Männer sind es vermutlich eher gewohnt, im öffentlichen Bereich ihre "Opfer" zu bringen - Frauen tun dies bevorzugt im privaten Bereich. Dort tragen viele von ihnen, nicht nur die Familienfrauen, vielfältige Verantwortungen, denen sie sich mehr verpflichtet fühlen als der Politik.

Viele Junge, die heute 20 Jahre alt sind, können mit klassischen Gleichstellungsforderungen wie etwa Quoten, nichts anfangen. Für sie ist die Frage, was sie als Frau oder Mann aus ihrem Leben machen wollen und können, eine rein individuelle, die nichts mit gesellschaftlichen Rahmenbedinungen zu tun hat. Ein Fortschritt oder ein Rückschritt?
Sowohl als auch; wenn sie tatsächlich über das nötige Selbstbewusstsein verfügen, sich in ihren Lebens- und Berufsplänen nicht einengen zu lassen, dann sterben die vorhin genannten Rollenbilder bald einmal aus. Wenn der Mann, der Kindergärtner werden will, von seinen Kollegen nicht mehr schief angeschaut wird und die junge Wissenschafterin eine Berufung als Professorin in einer Teilzeitanstellung erhält, dann haben die jungen Leute mit ihrer Lagebeurteilung recht!

Wie versuchst du, junge Leute zu erreichen?
Das Gleichstellungsbüro machte in letzter Zeit mehrere Kampagen und Aktionen, die sich an junge Leute richten. Z.B.: girls@3fach, ein Radioprojekt für junge Frauen; "fairplay at home - dein Job ist nur das halbe Leben", eine Kampage, mit der wir gezielt junge Männer angesprochen haben. Wichtig ist in solchen Kampagnen, dass wir den jungen Leuten Identifikationsfiguren anbieten, bekannte Persönlichkeiten, die erfolgreich in einem geschlechtsuntypischen Beruf arbeiten oder überzeugte Teilzeithausmänner sind.

Was hat dich persönlich für das Thema Gleichberechtigung sensibilisiert?
Ich bin in den späten 60-er Jahren zur Schule gegangen. Da gabs kein Werken für Mädchen, kein Ministrieren in der Kirche, kein Frauenstimmrecht... Wirklich politisiert und für die Gleichstellung sensibilisiert wurde ich aber durch die Jugendarbeit und später durch die Auseinandersetzung mit feministischer Theologie. Auf diesem Hintergrund wird auch klar, warum ich Chancengleichheit immer auch in einem grösseren und globalen Kontext sehe. Für mich geht es um eine Gesellschaft die Gerechtigkeit, Toleranz, Frieden, Demokratie und Sicherheit in einem umfassenden Sinne ins Zentrum stellt.