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Archiv: 29. Januar 2003

Die Schweiz wählt in diesem Jahr eine neue Bundesversammlung. Der Kanton Luzern wählt heuer gleich zweimal: Im Herbst die Vertretungen in National- und Ständerat, aber schon im Frühjahr die neue Regierung und den neuen Grossen Rat.

Es gibt eine Vielzahl von Themen, die in beiden Wahlkämpfen wichtig sind. Ich bitte Sie im folgenden um die Aufmerksamkeit für einige Gedanken zu ein paar Aspekten der Bildungspolitik. Wie der Bund steht auch der Kanton Luzern im Begriff, eine Bildungsoffensive zu lancieren und umzusetzen. Auf Bundes- wie auf kantonaler Ebene werden die Bereiche Bildung und Forschung ausgebaut. Damit sollen die Schweiz und der Kanton je auf ihren Ebenen den Anschluss halten können. Das ist wichtig: kulturell, wissenschaftlich, wirtschaftlich, gesellschaftlich.

Gesellschaftlich wichtig ist, dass auch die Auszubildenden den Anschluss halten können ‐ als Individuen und sozial. Das heisst aber ‐ ich nehme es vorweg: Der Ausbau des Bildungswesens allein genügt nicht. Neuere Untersuchungen belegen das. Der Ausbau war die Antwort auf die Diskussion um die Chancengleichheit in den sechziger, siebziger und zu Beginn der achtziger Jahre. Diese Linie war insofern erfolgreich, als heute viel mehr Kinder und Jugendliche aus sogenannt unteren Schichten eine Lehrstelle haben, an Mittelschulen oder Universitäten unterrichtet werden. Doch die herkunftsbedingten Benachteiligungen haben sich dadurch nicht quasi von selbst verflüchtig. Ich veranschauliche dies an drei Beispielen:
  1. Man kann die Schüler und Studierenden einer bestimmten Ausbildungsstufe nach der höchsten Ausbildung ihrer Eltern klassifizieren. Grundsätzlich gilt: Die Chance, an den höheren Bildungsgängen teilzuhaben, ist umso grösser, je höher die Bildung der Eltern ist. Von den 16 bis 19jährigen, die keine nachobligatorische Ausbildung absolvieren, sind fast 60 % Kinder von Eltern, die auch keine nachobligatorische Ausbildung abgeschlossen haben. Dagegen dominieren bei den Mittelschülern die Kinder von Eltern, die über einen höheren Bildungsabschluss verfügen (Lamprecht/ Stamm, «Soziale Ungleichheit im Bildungswesen»,1996).
  2. Es ist notorisch, dass ein grosser Teil der bei uns arbeitenden Ausländer aus sog. bildungsfernen Schichten stammt. Auch hier bestätigt sich die Bildungsvererbung, wie ein Blick in die Publikation «Bildung im Kanton Luzern» zeigt (November 2002, S. 22): Wer nicht Deutsch als Muttersprache hat - das sind auf der Sekstufe I 16,9 % - besucht nur zu 9,7 % die Sekundarschule und zu bloss 4,4 % das Untergymnasium. Sie sind in diesen Schultypen deutlich unterrepräsentiert.
  3. Den Befund, dass unser Bildungssystem nach wie vor soziale Differenzierungen zumindest bestätigt, aber sogar eher bekräftigt und verstärkt, belegen zwei andere Zahlen: Nur eine von 100 Töchtern von Ungelernten erhält die Chance auf eine universitäre Bildung, hingegen bekommt diese Chance jeder zweite Sohn eines akademisch gebildeten Vaters («Positionspapier 4» des SGB-Kongresses 2002, «Bildung für alle»).
Das heisst: Der Ausbau des Bildungssystems konnte relativ gesehen die Bildungschancen für Kinder aus unteren sozialen Lagen nicht verbessern, es gibt nach wie vor ein beträchtliches Ausmass an Bildungsvererbung. Es ist zu unrecht ruhig geworden um das Prinzip Chancengleichheit.

Eine demokratische Bildungspolitik zielt darauf ab, die Persönlichkeit aller optimal zu fördern und allen den Anschluss an die gesellschaftlichen Standards nach ihren Fähigkeiten und Kenntnissen zu ermöglichen. Sie muss sich daran messen lassen, ob Vorrechte der Geburt oder des Geschlechts, der Religion oder der ethnischen Zugehörigkeit überwunden sind. Wir haben festgestellt: Das ist heute nicht der Fall.

Meine Folgerung: Wir müssen Chancengleichheit wieder zum Thema machen. Um das Ziel zu erreichen, braucht es flankierende Massnahmen. Ich tippe drei, vier kurz an. Auf jeden Fall gehören familienergänzende Betreuungsangebote dazu. Die Notwendigkeit des Ausbaus ist heute gesellschaftlich weitgehend anerkannt. Das stimmt optimistisch. Der Diskurs erfasst allerdings oft nur Wirtschaftliches, allenfalls noch die Gleichstellung der Geschlechter. Dafür spricht aber auch das Wohl der Kinder. Untersuchungen zeigen: Wer im Vorschulalter seinen Erfahrungshorizont in einer familienergänzenden Einrichtung erweitern kann, ist in der Schule erfolgreicher. Ganz besonders gilt dies für Kinder aus anderen Kultur- und Sprachgebieten.

Als zweites gehört die Möglichkeit zur Weiterbildung dazu. Heute stehen dafür schlicht zu wenig Mittel bereit. Insbesondere fehlen Massnahmen zugunsten von wenig Qualifizierten. Eine Umfrage der Gewerkschaft SMUV hat ergeben: Über 80 Prozent sprechen sich für einen bezahlten Bildungsurlaub von jährlich 5 Tagen aus. Daran lässt sich anzuknüpfen.

Als drittes nenne ich die Stipendien. Ihr Sinn besteht darin, einen sozialen Ausgleich zu schaffen. Angehörige aller Gesellschaftsschichten müssen sich nach ihren Fähigkeiten bilden und ausbilden können. Ohne anständige Stipendien lässt sich keine Bildungsoffensive demokratieverträglich durchführen. Luzern ziert da leider den Schluss mit. Zu überlegen wäre m E. eine gesamtschweizerische Harmonisierung.

Bevor ich schliesse, erlauben Sie mir bitte noch einen Werbespot für die Lehrlings-Initiative, über die wir wohl am 18. Mai abstimmen. Sie fordert ein Recht auf Ausbildung und eine Ausbildungsfinanzierung, die auch in der wirtschaftlichen Krise sichern kann, dass genügend Lehrstellen angeboten werden. Diese Forderungen müssen m. E. unabdingbar Teil jedes Chancengleichheits-Konzepts sein.

Fazit: Wir Grünen sollen die Debatte um die Chancengleichheit neu beleben. Die kriselnde Wirtschaft, der verschärfte Wettbewerb um die Arbeitsplätze und der Druck auf die Staatsausgaben rufen verstärkt der Wiederaufnahme einer breit angelegten Debatte. Wir müssen uns frühzeitig dagegen wehren, dass die Chance zur optimalen Entwicklung der Persönlichkeit nur einer kleinen Minderheit eröffnet wird und die anderen möglichst direkt nur befähigt werden, sich im Arbeitsmarkt zu positionieren. Das sollte im ideologischen «Feld Schweiz» möglich sein; denn Chancengleichheit ist ja nichts Gleichmacherisches. Sie setzt bloss individuelle Leistung an die Stelle irgendwelcher Vorrechte ‐ und das war doch ein Ziel der französischen Revolution.

Ich danke herzlich für die Aufmerksamkeit, wünsche der Versammlung ein gutes Gelingen und Ihnen persönlich einen schönen Aufenthalt und eine gute Heimkehr.

Luzern, 17. Januar 2003 / Louis Schelbert