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Wenn die Altstadt uralt aussieht - Umgestaltung Grendel-Löwengraben als Provinzposse

Archiv: 12. Dezember 2002

Nur rund jedeR sechste BesucherIn der Altstadt reist per Auto oder Töff an. Wenn AltstadtvertreterInnen nach dem fehlenden Branchenmix gefragt werden, sehen die meisten kein Problem, sehen nicht, dass die Altstadt bald nicht mehr City von Luzern ist. Schwindende Kundenzahlen begründen sie zumeist einzig mit zu wenig Autoparkplätzen. Das Referendum gegen die Neugestaltung von Grendel, Grabenstrasse und Löwengraben ist nur ein weiteres Kapitel einer Posse, in der Auto-FundamentalistInnen zu beweisen versuchen, dass Luzern eben doch nur Provinz ist.

von Othmar Odermatt-Stocker, IG Velo, Luzern

Zwar reden Quartierverein, Geschäftsleute und Cityvereinigung dauernd von Problemen der Altstadt. Betreffend der Neugestaltung von Grendel, Grabenstrasse und Löwengraben wiesen VertreterInnen des Quartiervereins Altstadt auf drei vermeintliche Hauptprobleme der Altstadt hin: Erstens der Altglascontainer hinter der EPA (Nachtruhestörung), zweitens die Verlagerung von ein paar Autoparkplätzen ins Parkhaus und drittens die Veloabstellplätze am Grendel. Eine glückliche Altstadt, die keine anderen Probleme hat!

Aus verschiedenen Statistiken geht hervor, dass heute fast zwei Drittel des städtischen Verkehrs durch den Umweltverbund (ÖV, Velos, FussgängerInnen) bewältigt werden, nur jede dritte Fahrt entfällt auf Autos oder motorisierte Zweiräder. Das erstaunt und widerspricht dem alltäglichen Eindruck auf den Strassen. Offensichtlich braucht der motorisierte Individualverkehr (MIV) so viel Platz und erzeugt solche Mengen an Lärm und Abgasen, dass alle Welt glaubt, dieser Anteil des Verkehrs sei der wichtigste! Auf die Innenstadt übertragen, verschiebt sich das Verhältnis noch krasser zugunsten des Umweltverbundes, leider fehlen dazu Zahlen. Es ist jedoch anzunehmen, dass höchstens jedeR sechste AltstadtbesucherIn per MIV anreist! Der Anteil der Velofahrenden ist etwa gleich gross, FussgängerInnen gibt es ca. doppelt so viele, per ÖV kommen noch mehr.

Leider habe ich noch nie von der Cityvereinigung oder vom Quartierverein Altstadt die Forderung gehört, es müsse endlich eine ÖV-Linie mitten durch die Altstadt geben, es genüge nicht, für dieses wichtigste Kundensegment nur an der Peripherie erschlossen zu sein! Nicht mal zu einem Citybus reicht das Engagement mehr. Oder haben Sie schon mal davon gehört, dass Geschäftsleute der Altstadt sich darüber beschwert haben, dass sie von der ganzen Länge des Schweizerhofquais her nicht erreichbar seien, dass es also dringend mehr Fussgängerstreifen brauche? Selten machen sich VertreterInnen der Altstadt Gedanken dazu, dass Velofahrenden von der Seebrücke her der Umweg via Luzernerhof oder Fussmärsche zugemutet werden, wenn sie in den Grendel wollen. Wahrscheinlich ist diesen Leuten entgangen, dass sich das genialste Verkehrsmittel einfach Fahrrad, nicht Umwegfahrrad oder gar Schieberad nennt. Vielleicht wissen AltstadtvertreterInnen gar nicht, dass VelokundInnen nur kommen, wenn sie auch hinfahren und parkieren dürfen?

Dafür träumt Heidi Rothen weiter davon, dass sie einmal im Monat von ihrem Wohnort Hergiswil mit dem Auto in die Altstadt fahren und alle anderen KundInnen vertreiben darf! Im Gejammer wegen fehlenden AutokundInnen wird vergessen, dass in den letzten Jahren viele zusätzliche Autoparkplätze in den Parkhäusern rund um die Altstadt entstanden sind, die nur selten ausgelastet sind.

Vor gut einem Jahr erhielten Manor-Direktor Rudolf Kahn und sein Team den Prix Ali für den Einsatz zur Attraktivierung der Luzerner Innenstadt. Herr Kahn missbrauchte den Anlass der Preisverleihung (Neue LZ 18.9.2001), um einem Teil seiner Kunden mitzuteilen, sie seien unerwünscht! Laut träumte er vor sich hin, dass er Velofahrende am liebsten aus der ganzen Altstadt vertreiben möchte. Weshalb legt er soviel Wert darauf, Velofahrenden mitzuteilen, sie sollen doch die Altstadt lieber meiden und anderswo einkaufen? Hat er einfach noch nicht gemerkt, dass rund 20% seiner KundInnen per Velo kommen? Sind ihm die Untersuchungen unbekannt, das Velofahrende im Durchschnitt besonders zahlungskräftig sind? Weiss er nicht, dass auf einem Autoparkplatz mindestens zehn Velokunden parkieren können?

Unglaublich, wie sich fünfzigjährige Klischees halten! So z.B. die Vorstellung, Autobesitzende seinen DIE zahlungskräftigen Kunden, alle anderen vernachlässigbar. In den 50er Jahren, vielleicht auch noch in den 60ern, mag das so gewesen sein. Heute ist das überholt, auch, weil die Anschaffung eines Autos nicht mehr Erspartes voraussetzt. Wem kein Leasingvertrag im Nacken sitzt, kann lockerer konsumieren... Gerade die Stadtregierung beweist, dass ÖV- und Velo-BenützerInnen nicht nur arme Schlucker sind. Alle fünf Stadträte fahren per Umweltverbund an die Arbeit, im Sommer vier davon mit dem Velo!

Machmal neige ich dazu, die Altstadt einfach abzuschreiben, in Kauf zu nehmen, dass sich zunehmend zwischen den beiden neuen Zentren Hirschmatt und Löwenplatz Wüste breit macht, wo noch ein paar Touristen absteigen. Dann aber kommt wieder Trotz hoch und der Wille, die Altstadt nicht nur Souvenir-Verkäufern und selbst ernannten Stadtmüttern zu überlassen. Ich finde es wichtig, dass die Altstadt wieder lebendiger wird, dass es wieder Platz gibt für einen vielfältigeren Branchenmix, für mehr Altstadtbewohnende auch, für gute Beizen, fürs Leben auf der Strasse.

Die Stadt hat zwei erste Schritte getan, um eine Verödung der Altstadt zu verhindern: Überlandbusse halten jetzt auch am Schwanenplatz stadtauswärts, und die Achse Grendel ‐ Grabenstrasse- Löwengraben ist seit einem Jahr nicht mehr nur für Autos da. Mich erstaunt, wie viel Energie Altstadtkreise gegen diese beiden Projekte aufgebracht haben. Jetzt, wo es am Verkehrsregime Grendel schon lange nichts mehr zu rütteln gibt, ist auch noch das Referendum gegen die Neugestaltung zustande gekommen. Wenn es nach der SVP ginge, würde wohl die bauliche Aufwertung dieser Achse auf Eis gelegt. Zu hohe Kosten sind kaum der Grund des Referendums, jedenfalls hat diese Seite bei viel teureren Strassenbauprojekten noch nie Sparforderungen manifestiert. Immerhin haben die Cityvereinigung und Teile des Quartiervereins inzwischen eingesehen, dass es noch andere Probleme zu lösen gäbe, und unterstützen das Referendum nicht. Vielleicht wird damit dieser Provinzposse ein Ende gesetzt, wird nach Jahrzehnten ein attraktiver Grendel endlich Wirklichkeit.

Die Abstimmungsparole des städtischen Vorstandes entnehmen Sie bitte unserer Website www.gruene-luzern.ch (ab dem 21. Januar 2003).