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Zwischen Himmel und Hölle steht das Politische

Archiv: 1. April 2002

Die Stammzellenforschung konfrontiert uns mit der Frage, was das Leben ist und wo es beginnt. Aufgabe der Politik ist es, Mass zu setzen und Exzess und Vorsicht einander anzugleichen. Masstäbe und Werte sind nicht absolut- sie stehen im Wandel der Zeit.

von Roland Neyerlin, Philosoph, GB-Mitglied der Schulpflege Stadt Luzern

Die Stammzellenforschung scheidet die Geister - sie weckt Hoffnungen und schürt Ängste! Die einen erwarten das Heil, die anderen das Ende der Zeiten. Auf beides werden wir vergeblich warten. Die Welt wird eine heil-lose bleiben und Klon-Schaf Dolly weiter Geburtstag feiern. Die Wirklichkeit ist komplex verfasst und nicht dualistisch!

Wenn Gott Hochkonjunktur hat
Als wenig hilfreich erachte ich in diesem Zusammenhang auch die Renaissance theologischer Argumentationen. Selbst in Kreisen, die in anderen Fragen ganz gut ohne die "Hypothese Gott" auskommen, beruft man sich wieder auf seine Autorität und Wirkkraft, wenn es darum geht, das Schlimmste zu verhindern. Dass auch Werte bloss relativ sind, scheint nur schwer erträglich! Wir preisen zwar die Aufklärung und verkünden den Tod Gottes, doch wenn es um die Erforschung des Lebens geht, wird kaum noch rational und auf Grund harter Fakten argumentiert. Der Mensch soll nicht Schöpfer spielen, heisst es, nicht in frevelhafte Selbstherrlichkeit und Überheblichkeit gegenüber Gott, der Natur und den Menschen verfallen. Recht so, doch wie sollen wir damit überleben!? Auch Dinkel-Mehl ist das Resultat eines menschlichen Schöpfungsprozesses! Und wie, bitte schön, sollen in einer säkularisierten und pluralistischen Welt religiöse Werte allgemeine Geltung erlangen!?

Wann beginnt menschliches Leben?
Kein Zweifel, die Stammzellenforschung und ihre praktischen Anwendungen konfrontiert uns mit ethischen Herausforderungen. Darf man embryonale Stammzellen für die Forschung verwenden? Wie geht man verantwortungsvoll mit dem beginnenden Leben in der Industrie um? Diese und ähnliche Fragen müssen beantwortet werden, wenn wir verantwortungsvoll und vorausschauend handeln wollen.

Vor allem die Gewinnung von Stammzellen wirft verschiedene ethische Fragen auf. Was spricht gegen die Verwendung primordialer Stammzellen in therapeutischer Absicht, die aus abgetriebenen Föten entnommen werden, sofern der Schwangerschaftsabbruch aus anderen, unabhängigen Gründen erfolgte und die Mutter bzw. die Eltern diese Zellentnahme erlaubt haben? Wie verhält es sich mit überzähligen Embryos aus extrakorporaler Befruchtung, sofern diese sonst weggeworfen werden? Bis in welches Alter dürfen Embryos zu einem vermeintlich "höheren Zweck" instrumentalisiert werden? Mit anderen Worten, es geht wesentlich um die Frage "Was ist das Leben? Und wo beginnt es?"

Ist der Mensch unmittelbar mit der Befruchtung der Eizelle schon Mensch oder sind die Frage der Differenzierung der Organe und ihre Funktionsaufnahme, vor allem des Nervensystems und jene der Lebensfähigkeit, von zentraler Bedeutung? Hier wird um Tage gestritten, denn mit dieser Definition entscheidet sich, ob das Argument der Menschenwürde greift oder nicht. Wenn nicht, dann käme einer pluripotenten Stammzelle nicht die Würde eines Menschen zu, sondern jene Würde und Wertschätzung, die wir etwa einem Spenderorgan zugestehen. Die Diskussion um den Schwangerschaftsabbruch hat gezeigt, dass pragmatische Lösungen möglich sind, die weitgehend gesellschaftlich akzeptiert werden. Die Mutter verfügt über Leben und Tod des Fötus, zumindest bis zu einem bestimmten Zeitpunkt. Bei der Diskussion über die Gewinnung embryonaler Stammzellen aus einem Embryo (Blastozyte) geht es m.E. um ähnliche Fragestellungen.

Werte stammen aus Menschenhand
Einfacher lassen sich Mehrheiten vermutlich am ehesten dort finden, wo es darum geht, den Handel mit überzähligen Embryos aus extrakorporaler Befruchtung bzw. mit abgetriebenen Föten und die Produktion von Embryonen zur wissenschaftlichen Verwertung und Therapie zu verbieten.

Menschenwürde und das Recht auf Achtung können nur durchgesetzt und geschützt werden, wenn die Freiheit von Wissenschaft und Forschung nicht grenzenlos sind. Die Moderne hat die Massverhältnisse gesprengt. Sie lebt weitgehend vom entgrenzten Experimentieren. Es ist deshalb Aufgabe der Politik, Exzess und Vorsicht miteinander anzugleichen. Die Weltgesellschaft muss eine der Vorsicht sein!

Werte und Rechte sind nicht an die blosse Natur gebunden. Sie gehören nicht zur menschlichen Natur, sondern sind Qualitäten einer von Menschen errichteten Welt. Wir Menschen müssen bereit sein, Werte und Rechte in unserer politischen Ordnung Geltung zu verschaffen. Das Politische schafft den Raum für die Entwicklung derjenigen Qualitäten, die eine von Menschen bewohnte Welt auszeichnen könnte: Allen voran das Recht, Rechte zu haben! Nicht Heilserwartungen, nicht Endzeitprohezeiungen sind gefragt, sondern Handeln im politischen Raum! Der politische - sprich öffentliche - Raum ermöglicht erst, mit anderen ethischen Positionen, Entwürfen und Begründungen um die Plausibilität dessen, was gelten soll, zu ringen. Was Geltung hat oder haben soll, hängt von uns Menschen ab!


Menschliche Embryonen als Rohstoff für die Forschung?, Maya Graf, Nationalrätin, Grüne Basel-Landschaft, zum Thema Stammzellenforschung